Wer sind die „Schwaben" in Ungarn und wo kommen Sie her?

Wer sind die „Schwaben" in Ungarn und wo kommen Sie her?

"Schwabbälle, bunte Volkstracht, Blech- und Schrammelmusik, Volkstanzfestivals, dies ist, was über die deutsche Nationalität, oder wie es im allgemeinen gesagt wird, in Ungarn alle schon gehört haben und wissen. Wer sind diese Schwaben, sind sie wirklich Schwaben im engsten Sinne des Wortes?

Obgleich wahre Schwaben sich nur im Komitat Sathmar niederließen - davon sind heute nur noch drei Dörfer auf ungarischem Gebiet. Wie konnte der Name einer so winzigen Minderheit zur allgemein gebrauchten Benennung des Deutschtums in Ungarn werden?

Die große Mehrheit der ersten Siedler kam tatsächlich aus dem Schwabenland - aus Schwaben, Württemberg - durch Ulm, auf einem langen Donau-Weg nach Ungarn. In vielen Dörfern bezeugt dies auch heute noch die "Schwabengasse"-Benennung. Dieser Stammesname befestigte sich in den Sprachen der im Donau-Becken lebenden Völker, als die Benennung der nach der Türkenherrschaft angekommenen deutschen Siedler. Der Namengeberstamm selbst, lebt in dieser Region eher in seinem Namen weiter.

Sie wurden durch die großen Pestseuchen des 18. Jahrhunderts dezimiert, andererseits wanderten sie weiter entlang der Donau nach Süden, bis zur Dobrudscha und in die Ukraine, sogar zum Fluss Wolga, über den Kaukasus.

Auf ihren Platz traten im Karpaten-Becken beinahe überall Bayern und Franken, die den Namen "Schwaben" ererbt haben. Das 18. Jahrhundert war noch nicht die Periode des Stammesselbstbewusstseins, und diese Bayern und Franken konnten über sich selbst als über Deutschen sprechen, so hatten sie keine Einwände gegen den auf sie ausgedehnten Namen. Es ist kein Zufall, dass gegen die Bezeichnung "Schwabe" nur dort protestiert wurde - und auch heute noch protestiert wird - wo dies auf historische Traditionen stoßt: in West-Ungarn und - in einer Siedlung vor der Türkenherrschaft - in Nagybörzsöny. Und da dieser Name in erster Linie die Bauernsiedler bezeichnete, protestierte dagegen auch das ansonsten mit ihnen gleichartige städtische Bürgertum. So bekam dieser Volksname innerhalb des Deutschtums in Ungarn eine soziale Wertordnung, also "schwäbisch" wurde im Begriff mit "bäurisch" identisch. Dies macht verständlich, dass der Name "Schwabe" auch die Bezeichnung der Mehrheit des Deutschtums in Ungarn werden konnte.

Aufgrund statistischer Erhebungen bzw. Schätzungen beträgt die Zahl der in Ungarn lebenden Deutschen etwa 200-220.000*, was 2,5% der Gesamtbevölkerung ausmacht. Im Vergleich zur Gesamtzahl der Nationalitäten in Ungarn ist diese Zahl bedeutend, da Ungarns Slowaken, Südslawen und Rumänen nur 2,2% der Gesamtbevölkerung ausmachen: ihre Zahl beträgt beiläufig 180-182.000.

Die einzelnen Schichten der Ungarndeutschen sind im Laufe der Geschichte in verschiedenen Wellen und Etappen in ihre neue Heimat gelangt, so spielten auch bei der Herausbildung des Gesichtes des Deutschtums in Ungarn verschiedene Faktoren eine bestimmende Rolle. Als historischer Einschnitt galt die Türkenzeit, die Befreiung Ungarns von der Türkenherrschaft im ausgehenden 17. Jahrhundert.

In der Entfaltung des Städtewesens und der Industrie im Mittelalter haben die ungarischen Herrscher den deutschen Handwerkern und Kaufleuten ein sehr großes Gewicht beigemessen. Deutsche Bürger haben sich bereits im 13. Jahrhundert in vielen Städten Ungarns niedergelassen, nach dem Tatareneinfall 1241-1242 wurde dieser Prozess vorübergehend sogar beschleunigt.

Die Ansiedlungspolitik der ungarischen Könige hatte in den inneren, wirtschaftlichen Interessen des Landes ihren Grund, die Bezeichnung der deutschen Siedler ist "Gast" (hospes), was auf eine grundsätzlich gute Beziehung hinweist. Nur der vom Heiligen Land verdrängte Deutschritterorden - dem der ungarische König Andreas II. wegen der Versorgung von Grenzschutzaufgaben die Niederlassung in Ungarn erlaubte - unternahm den Versuch, sich auch staatlich selbständig zu machen, wofür der König die Ritter aus dem Land vertrieb.

Nur ein kleiner Teil des Deutschtums in Ungarn ließ sich schon während der Ansiedlungen der Árpáden-Zeit nieder, diese sind die Siedlungen in Westungarn entlang der österreichischen Grenze bzw. die Deutschen der ehemaligen Bergstadt Nagybörzsöny (Deutschpilsen) im Pilis (Pilsner) Gebirge, der eigentlich der letzte südliche Rest des slowakischen Haulands ist. Zwei weitere deutsche Kettenglieder dieser Gruppe sind Vámosmikola und Szokolya, die zwar die Türkenzeit überlebten, im vorigen Jahrhundert aber madjarisiert wurden.

Der Großteil der Deutschen fand aber erst nach der Vertreibung der Türken eine neue Heimat, wobei gleichzeitig mehrere Faktoren eine Rolle spielten. Während der Türkenherrschaft wurde ein bedeutender Teil der Siedlungen Ungarns verwüstet oder entvölkert, so - besonders an den Südgrenzen - riesige Gebiete, einstige Ackererden erneut zur sumpfigen Wildnis wurden. Die wichtigste Voraussetzung für den Wiederaufbau des Landes war die Rückeroberung der verödeten Gebiete nicht nur von den Türken, sondern auch von der Natur. Vom nördlichen Teil des Königreiches Ungarn siedelten viele ungarischen Siedler erneut nach Süden um - in dieser Zeit bildeten sich nämlich viele Siedlungen heraus, die wegen ihrer Mundart und Volkskunde auch in unseren Tagen auf dem mittleren Abschnitt des Donau-Theiß-Zwischenstromlandes und in der Batschka hervorstehen - , trotzdem konnte das dezimierte Ungarntum diese Aufgabe so schnell nicht bewältigen. Die Grundherren haben deshalb alles getan, um möglichst viele Arbeitskräfte zu beschaffen. Besonders im Deutsch-Römischen Reich war es günstig, Kolonisten zu werben, wo seit dem Dreißigjährigen Krieg - und nicht zuletzt wegen der sich steigernden feudalen Erdrückung - das Auswanderungsfieber wieder anstieg. Die von Agenten ungarischer Grundherrschaften eingeleitete Werbung von Kolonisten konnte im ganzen Reich, besonders aber in Süd- und Mitteldeutschland, mit Erfolg betrieben werden. Die Werbung wurde nicht nur von Privatherren, sondern auch von der katholischen Kirche, sogar von der königlichen Kammer selbst, in Angriff genommen. Es spielte auch eine bedeutende Rolle, dass die deutschen kalvinistischen und lutheranischen Bauern auf den Grundstücken der protestantischen ungarischen Herren eine sicherere Zuflucht finden konnten, als in den österreichischen und deutschen Provinzen, die in dieser Zeit schon von der Gegenreformation stärker geplagt wurden.

Nach der Befreiung Ofens (Buda) (1689) erschien die königliche Siedlungsverordnung, die Art und Weise der Kolonisation festlegte. Es wurde die königliche Neusiedlungskommission (Neoacquistica Commissio) gebildet, die aus der wirtschaftlichen Notwendigkeit zugleich politisches Kapital schlagen wollte, und damit rechnete, dass die katholischen Siedler gegen den Habsburg feindlichen ungarischen Adel die Stützen der Dynastie werden. Auch für die deutschen Siedler sprach die Tatsache, dass sie meistens über fortgeschrittene landwirtschaftliche Methoden verfügten, als die ungarische Bevölkerung.

Die Kolonisation erfolgte in drei großen Etappen im 18. Jahrhundert.

 In der ersten Etappe (1689-1740) unter Karl IV. kamen Kolonisten in die Komitate Transdanubiens (Komorn-Gran, Pesth, Weissenburg, Wesprim, Raab), ins Ungarische Unterland (Südliche Tiefebene: Saboltsch, Bekesch), ins Nördliche Mittelgebirge (Nordungarn: Semplin, Hewesch), sowie sporadisch in die Batschka und Banat (Südungarn). In dieser Zeit entstand - auch im ursprünglichen Sinne des Wortes - der schwäbische Siedlungsblock im Komitat Sathmar.

Die zweite Etappe unter Maria Theresia wird vor allem durch die Kolonisation der königlichen Kammer charakterisiert. Der Grund ist auch hier vom wirtschaftlichen Charakter: die königliche Kammer tritt auf der deutschen Arbeitsmarkt als erfolgreicher Konkurrent auf, indem sie auf dem Gebiet der den Siedlern gegebenen Begünstigungen (Bauhilfe, Steuerfreiheit für mehrere Jahre) die Privatbesitzer überbietet. Es sind aus dieser Periode Fälle bekannt, als die Haiducken des vom Mangel an Arbeitskräften leidenden Gutsherrn die von der Kammer entlassenen Siedler anhielten. Die Ansiedlung wurde unter Maria Theresia durch ein neues Patent beschleunigt, nach dem Siebenjährigen Krieg kamen neue, mit ihrer Lage unzufriedene Bauern ins Land, vor allem aus Elsass-Lothringen, Baden, Luxemburg und der Pfalz. Diese theresianischen Siedler ließen sich fast alle an den südlichen Grenzen nieder.

Das Siedlungspatent Josephs II. hat die dritte Kolonisation (1782) eingeleitet. Die Siedler kamen vor allem aus der Pfalz, dem Saargebiet, der Frankfurter und Mainzer Gegend, aus Hessen und aus Württemberg. Die Mehrheit ließ sich wieder in den südlichen Kammergütern, und in kleinerer Zahl in den Komitaten Pesth, Gran, Eisenburg, Tolnau, Schomodei nieder."

*Quellenangabe: Text aus "Die Deutschen in Ungarn". Erschienen beim Verlag Útmutató, Budapest 1999. Auszug: Dezső Szabó, Stuttgart.

Entdecken Sie die Regionen Ungarns!
Hungary Die Puszta und der Theiß-See Nordungarn Budapest und Umgebung Balaton Pannonien